BiografischesChristan Badel wurde 1966 als erstes von sechs Kindern in Gotha geboren. Bereits als Jugendlicher zeichnete er in der DDR für verschiedene offizielle und inoffizielle kirchliche Blätter. Er studierte später Design und Bildende Kunst und wurde Meisterschüler bei der japanischen Künstlerin Leiko Ikemura an der Universität der Künste in Berlin. Heute lebt er mit seiner Familie als freier Autor/Grafiker in Berlin-Pankow. „Wo meine Ideen herkommen? Das ist ganz einfach! Eigentlich brauche ich es nur noch aufzuschreiben oder zu zeichnen. Es passiert ständig um mich herum.“
Der Innere Jens - wegen der ständigen Verwechslung mit dem ehemaligen Torwart der NationalmannschaftAngefangen hat alles damit, dass mich im letzten Jahr ein wildfremder Mensch ansprach. Er gestand mir, dass er eine ganze Weile darüber gegrübelt hatte ob ich es wäre oder nicht, dass er sich letztlich aber nicht sicher sei und mich deshalb darauf anspreche. ..Er fasste sich sichtlich ein Herz. Ich sollte ihm beantworten, ob ich der Lehmann sei." Ich reagierte wohl einigermaßen verdutzt, denn bis zu jenem Zeitpunkt hatte mir diese Frage zuvor noch niemand gestellt. "Ich? Lehmann? Und überhaupt: Lehmann, wer sollte das sein?" Ich musterte meinen Gegenüber skeptisch, ob seiner Zurechnungsfähigkeit. Er wirkte tatsächlich ernsthaft und wollte mich offensichtlich auch nicht auf den Arm nehmen. Natürlich war mir gleich die Hauptperson des Berlin-Romans von Herrn Sven Regner in den Kopf gekommen, der just gerade verfilmt worden war. Ich hatte ihn noch nicht gesehen - dieser Lehmanndarsteller Christian Ulmen musste mir im Film irgendwie ähnlich sehen. Das war für mich die einzige Erklärung. Dieser Vergleich schmeichelte mir. Ich antwortete in aller Bescheidenheit, mit der Romanfigur hätte ich nicht das Mindeste zu tun, das Buch aber sehr wohl ebenfalls gelesen. Mitnichten, ich lag völlig daneben!- Abseits...Wenn nicht sogar Gelbe Karte oder Platzverweis. Mein immer noch um die Rätsellösung bemühter Gesprächspartner präzisierte : "Nee Mensch, der Jens! Der Jens Lehmann! Und als es bei mir immer noch nicht funkte: "Na der Fußballer und unser Torhüter!, Deutsches Nationalteam!" Hier rächte sich nun mein völliges Desinteresse in diesem Bereich. Auf Grund dieser peinlichen Allgemeinwissenlücke passierte bei mir immer noch nichts. Mein Gesichtsausdruck schien meinen hartnäckigen Fragensteller nun doch zu überzeugen, dass ich ihn nicht auf den Arm nehmen wollte : Naja, nichts für Ungut, war ja nur ne Frage, aber diese Ähnlichkeit....sorry, ich wollts nur mal wissen" Klar, heute weiß ich ziemlich viel über diesen Lehmann, der nicht ausgedachte Romanfigur, sondern ziemlich realistisch Torwart der Deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball Weltmeisterschaft ist. Ich weiß dass dieser Lehmann, 8 cm größer und drei Jahre jünger und außerdem 9 Kg schwerer als ich ist und ebenfalls drei Kinder hat. Die Ähnlichkeit ist tatsächlich gegeben, dass muss ich spätestens zugeben, nachdem man mich mit ihm sogar in der eigenen Familie verwechselte. Meine Freundin, ebenso unbedarft wie ich, was den Fußball angeht, wollte es als erste wissen, als die Vergleiche im Freundeskreis und verwunderten Blicke auch auf der Strasse zunahmen. Sie nahm sich am nächsten Tag die in unsere Familie sträflich vernachlässigte Sportseite zur Hand. Tatsächlich fand sie dort auch ein passendes Bild meines Doppelgängers. Sie schnitt es aus und heftete es mit einem Magneten an eine freie Stelle an die Kühlschranktür. "Warum hängst du denn ein Foto von Christian auf?" Wollte unser Sohn wissen. Langsam wurde mir die Sache unheimlich. Bekannte von mir kommen sich in letzter Zeit besonders witzig vor, wenn sie mich augenzwinkernd nach dem Spielstand, der Torwartfrage zur WM oder den Verletzungen meines Teamkollegen Ballack fragen. Der Elternfußballverein des Kindergartens meiner Tochter will mich unbedingt als Torwart in seine Mannschaft haben. In der Öffentlichkeit begann ich es zu genießen. Welcher Normalbürger kommt schon in den Genuss solcher Aufmerksamkeit. Zuvorkommende Bedienung und Einlass in diverse Clubs... Sogar mein Arzt begrüßte mich sportlich mit: "Na Lehmann, werden wir Weltmeister?" Und durch die allmählich geschlossene Wissenslücke konnte ich diesmal sogar im Doppelpass kontern: "Ich arbeite daran! Ich hoffe, sie bekommen mich bis zu WM wieder hin!" Die titelseitenlastige Torwartfrage im Vorfeld der Weltmeisterschaft brachte meinem Doppelgänger eine immense Popularität selbst im fußballabstinenten Freundeskreis und damit wuchs auch der Kreis der Personen, die mich auf der Strasse zu erkennen glauben sprunghaft an. Ich habe mir eine dunkle Sonnenbrille zugelegt. Merkwürdig, selbst im Unterbewusstsein von Nichtfußballbegeisterten scheint mein Gesicht als positiv abgespeichert worden zu sein. Wie sonst sollte ich mir erklären, dass mich sogar die sonst so mufflige Verkäuferin im Spätverkauf um die Ecke jetzt sehr zuvorkommend, wenn nicht sogar freundlich bedient? Mittlerweile hat die Fußball-WM begonnen. Lehmann glänzte beim Eröffnungsspiel und parierte überraschend. Gut gemacht Lehmann! Ich atmete auf. Er konnte ja nicht ahnen, dass er mit seiner Leistung nicht nur seine Position gegen seinen Konkurrenten Olli Kahn ausbaute und die Deutsche Mannschaft ins Achtelfinale brachte, sondern auch mir weiterhin angenehme Begegnungen bescherte. Man nickte mir am folgenden Tag auf der Strasse anerkennend zu. Völlig Unbekannte klopften mir die Schultern oder verwickelten mich spontan in Laiendiskussionen ums runde Leder. Zwiespältig beobachte ich die beunruhigende Beflaggung meiner Umgebung. Eine solche einheitliche nationale Fahnenflut war mir noch dunkel lediglich von den jährlichen Maidemonstrationen und Jahrestagen in der DDR in Erinnerung . Damals war es verordnet. Heute flaggt jeder seinen Balkon, sein Auto, Fahrräder, Kinderwagen usw. freiwillig in den Farben Schwarz-Rot-Gold, Kinder tragen begeistert T-Shirts in den Nationalfarben und bekleistern sich das Gesicht mit Abziehbildchen der Deutschlandfahne. Selbst Haarschapoo, Klopapier oder Frühstücksmusli verwenden die drei magischen Farben und er kleine Bäcker gegenüber bäckt Weltmeisterbrot mit Deko in Nationalfarben....Neues Deutschland? Ehre, Freiheit, Vaterland, Fußball? Langsam wachsen meine Bedenken, was wohl passiert, wenn die Begeisterung ins Gegenteil umschlägt. Ich bekomme eine Gänsehaut bei der Vorstellung, was mir blüht, wenn vielleicht ausgerechnet Lehmann die Sache verpatzt. Würde mein Abstreiten dann akzeptiert werden? So fiebere ich insgeheim für die deutsche Mannschaft mit, insbesondere für den Torwart. Ab und zu sehe ich mir sogar ein Spiel an, wenn ich auch meist nur bis zur Hälfte durchhalte, es sei denn, die Vorräte an Chips und Salzstangen oder die nette Zuschauerrunde sind bestechend. Sollte die deutsche Nationalmannschaft dann doch eine schlechte Form zeigen, bleibt mir nur die Burka oder ein T-Shirt mit der Aufschrift: "Ich wars nicht!"Seitdem habe ich mir das Haar lang wachsen lassen und trage Dreitagebart und natürlich, wenn es das Wetter erlaubt: eine Sonnenbrille. Und jetzt deja vu: WM 2010. Ich ducken mich zwar noch immer instinktiv, wenn ich tiefergelegte Kleinwagen mit der unvermeidlichen Fensterflagge sehe und denke: "Hoffentlich erkennt mich keiner!", aber zum Glück heißt der Torwart diesmal Neuer und nicht Lehmann und er sieht mir auch kein bisschen ähnlich! |
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